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Baths - Isolation Freedoms

Freiheiten, die sich in der Isolation finden lassen

Der Musiker und Komponist Baths spricht über seine positiven Erfahrungen mit der Isolation.

Text: Will Wiesenfeld aka Baths/Geotic

 

Isolation wird von uns gedanklich auf seltsame Weise polarisiert. Sie ist das Dogma der Introvertierten und der Fluch der Extrovertierten. Ich meine, dass Isolation in Wahrheit kein so emotional durchdrungenes Konzept sein braucht. Sie ist lediglich ein praktischer Teil einer gesunden Lebensweise. So wie ein Frühstück oder regelmäßige Bewegung. Isolation kann jene Zeit ausgleichen, die wir mit anderen Menschen verbringen. Somit ist sie die andere Hälfte dieser Erfahrung: Bewusst mit sich selbst zu sein, was gleichermaßen wichtig ist. Ich arbeite komplett von zu Hause an meiner Musik. Somit ist Isolation für mich ein ziemlich wichtiger Aspekt. In all den verschiedenen Verzierungen, die ich mir zu meinem aktuellen Lebensstil vorstellen kann, spielt das Alleinsein eine große Rolle, jedoch in einem sinnvollen Verhältnis zum Zusammensein mit anderen Menschen. Ich bin von den Vorteilen der Isolation begeistert, weil sie mir sehr geholfen hat. Ich verstehe aber auch, dass sie nicht für alle gleich bedeutend ist. Selbst ein moderates Maß an Isolation kann entmutigend wirken, wenn du es denn nicht regelmäßig trainierst. Ein Blick auf meine positive Beziehung zur Isolation könnte bei der Erklärung helfen, weshalb ein so bequemer Ort für die Selbstverpflichtung ein willkommener Verbündeter in der kreativen Freiheit sein kann.

Ich arbeite als Musiker und Komponist von zu Hause. Und sehr viel von dem, was ich tue, habe ich ganz allein erreicht. Ich bin mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) diagnostiziert. Das kann es erschweren, mich zu konzentrieren. Allerdings bin ich bequem mehr als die Hälfte meines Lebens mit Medikamenten behandelt worden, die mir sehr geholfen haben. Ich erwähne dies nur, weil ich sogar mit Medikamenten große Probleme habe, mich auf mein Tun zu konzentrieren, sofern andere Leute in der Nähe sind. Meine besten Arbeiten erledige ich stets, wenn ich ganz alleine bin. Für mich stellt die Isolation eine Form der ultimativen Freiheit dar. Ich kann ohne jegliche Fremdbewertung experimentieren und weit schweifende Ideen an einen Ort bringen, an dem sie atmen können. Selbst wenn ich allein bin, gibt es diverse Ablenkungen. Ich kann diese aber in meine Arbeitsweise einbeziehen, wodurch sich einige Ausfallzeiten zwischen dichten Aufnahmesitzungen ergeben. Nachdem ich mit einem Song große Fortschritte gemacht habe, schaue ich mir ein paar seichte Cartoons an oder bin ein wenig auf Twitter unterwegs. Sogar eine kleine Unterbrechung kann helfen. Sie bringt mich dazu, mich anschließend wieder auf die Dinge zu stürzen und mich dabei frischer als zu dem Zeitpunkt zu fühlen, zu dem ich pausiert habe. Wenn ich Medien konsumieren möchte, die mich besonders hart treffen, tue ich das gern allein. So kann ich frei reagieren, ohne mir Gedanken darüber zu machen, was andere Leute denken mögen. Dieses Gefühl ist sicher nicht für jeden ein Problem. Allerdings kann ich diese Gewohnheit in mir erkennen und würde sie gern vermeiden. Stattdessen möchte ich so oft wie möglich auf den Punkt bringen, wie ich mich fühle.

Ein naher Blick auf das Haus des Autors. Einen Ort zu finden, an dem ein Dialog begrenzt ist, kann in der Isolation bei der Fokussierung auf die Kreativität helfen.

 

Meine eigene Kreativität ist der verwirrendste Aspekt, den ich in meinem täglichen Leben einbeziehen muss. Ich fühle mich ständig von anderen Musikern und Künstlern aller Art inspiriert. Wenn es aber darum geht, meine eigene Musik zu machen, spielt mir diese Inspiration nicht gerade in die Hände. Also muss ich diese seltsame Anstrengung nur machen, um für Ideen zur Verfügung zu stehen. So lasse ich die Dinge auf mich zukommen und erstelle aus flüchtigen Inspirationen eine Collage. Diese erzwungene Offenheit funktioniert fast immer am besten, wenn ich alleine bin. Ich kann mich durch gemeinsame Zeit mit anderen Menschen inspirieren lassen. Wenn ich aber ernsthaft über etwas nachdenken muss, dann muss ich physisch einen Raum betreten, der mir dies ermöglicht. Dabei könnte ich mit meinem virtuellen Notizbuch und einem Noise-Cancelling-Kopfhörer (eines der wichtigsten Kreativwerkzeuge für leicht abgelenkte Personen) in einem Café sitzen oder auch einen langen Spaziergang machen ... Ich muss einen Ort finden, an dem der Dialog nur auf mich und meine Gedanken beschränkt ist. Diese Art der beiläufigen Erkundung, aus dem Haus zu kommen und meinem Kopf zu entfliehen, ermöglicht mir neben Bewegung vor allem auch Inspiration.

 

Das Album Morning Shore (Eon Isle) wurde wie mehrere andere Werke von Geotic in einer Zeit selbstgewählter Isolation aufgenommen. 

 

Vermutlich fühle ich so leidenschaftlich für die Arbeit in der Isolation, weil diese mir ein freiheitliches Gefühl für meine musikalischen Ideen und Bestrebungen ermöglicht und es niemanden gibt, der ein „Nein“ von sich gibt. So kann ich meine schlechten Ideen entdecken und daraus lernen. Und genauso kann ich lernen, dass scheinbar schlechte Ideen an anderer Stelle durchaus ihren Platz haben können. Auf diese Weise habe ich wirklich viel über meine Kunst gelernt. Ich habe das Gefühl, dass eine Selbstkritik (die für meine Arbeit relevant ist) darunter leidet, wenn man stets nur mit anderen Menschen arbeitet. Es sollte dennoch klar sein, dass ich isoliertes Arbeiten nicht als den einzigen richtigen Weg im Künstlerdasein sehe oder für die Erkenntnis der eigenen Kunst. Vielmehr stellt sie eben einen Weg dar, der in meinem eigenen kreativen Leben Wunder gewirkt hat.

Ruhe (eine große Leidenschaft von mir, sofern man sie denn als Leidenschaft bezeichnen darf) lässt sich viele unterschiedliche Arten finden. Die meisten meiner Lieblingswege zu wahrer Ruhe finden sich dabei, wenn ich alleine bin. Ich meditiere nicht regelmäßig (obwohl ich es sollte). Allerdings gehe ich vielen meditativen Aktivitäten nach. Einen großen Teil meiner Inspiration und Ruhe beziehe ich aus dem Betrachten homosexueller Kunstwerke und Illustrationen. Dabei habe ich eine Menge Dinge zu sortieren, die mich sofort entspannen. Ich werde lange Bäder nehmen, mir Videos zum Thema ASMR ansehen und Kerzen anzünden ... Ich bin zudem besessen davon, Komfort zu finden, wann immer es geht. Wenn ich alleine bin, gibt es so viele Möglichkeiten, an diesem Gefühl festzuhalten. Und ich kann es mir voll und ganz erlauben, mich damit zu überfluten.

Kopfhörer mit Noise Cancelling spenden zusätzliche Ruhe in lauten Umgebungen – sie stellen ein nützliches Werkzeug für diejenigen da, die nach Isolation suchen. 

 

Isolation kann eine außergewöhnliche Gelegenheit zum Schaffen eines Gleichgewichts sein. Sie hilft, jene Zeit auszugleichen, die wir mit anderen Menschen verbringen oder wenn wir uns in einem vollen Terminkalender verlaufen. Sie birgt eine großartige, produktiv zu sein. Gleichzeitig solltest du aber wissen, dass Produktivität keineswegs ein Maß dafür ist, wie gut du dich und deine Zeit isolierst. Es gibt einzig richtigen Weg, wie man Zeit alleine verbringt. Isolation ist schlicht ein großartiger Ort, an dem du dich ein kleines Bisschen besser kennenlernen kannst, so langsam wie du möchtest und mit ausgeprägter Großzügigkeit. Sei dein eigener Vertrauter. Dein engster Freund, der nirgendwo hingeht.

Über den Autor

 Will Wiesenfeld ist ein elektronischer Musiker aus Los Angeles, der unter den Künstlernamen Baths (Anticon) und Geotic (Ghostly) musiziert. Er gibt zu, dass sich seine Diskographie wie ein Essay über „Meditationen über Einsamkeit und Isolation“ liest. Mehr über ihn erfährst du auf Instagram and Spotify.